Fahrradhighways für alle

Fahrradroute
Quelle: Google Maps

Gestern Abend bin ich vom Uniplatz in Heidelberg (mitten in der Altstadt) nach Schwetzingen zum Bahnhof gefahren – in einer halben Stunde! Das ist, das müssen Ortsunkundige mir jetzt einfach glauben, eine bemerkenswerte Einzelleistung. Möglich war sie nur, weil das Wetter gut war, und die Dunkelheit noch nicht vollkommen. Mir zeigte das eindrucksvoll, wie viel ungenutztes Potenzial es für das Fahrrad gibt.

Von der Heidelberger Altstadt nach Schwetzingen sind es etwa 11 Kilometer: durch Gassen hindurch, Radwege und Feldwege entlang, über eine Autobahn, an Vororten vorbei. 11 Kilometer in einer halben Stunde ist nicht besonders bemerkenswert. „Wenn ich zügig fahre“, werdet ihr sagen, „kann ich das auch.“ Und ich sage: Klar könnt ihr.

Bemerkenswert ist es aus zwei Gründen. Erstens: Mit den Öffentlichen braucht man mindestens 46 Minuten. Zweitens: Ich wußte nicht, dass es geht. Wir sind vor drei Jahren aus Heidelberg in die Provinz gezogen, und auf den ersten Blick kommt man nur mit dem Überlandbus oder mit dem Auto hin und her. Für Autos gibt es einen große autobahnähnliche Verbindung. Von einer Fahrradroute wußte ich nichts. Und klar erkennbar gibt es die auch nicht. Ich bin mit Googles Hilfe einigermaßen  gradlinig vorwärts gekommen, aber ich habe trotzdem ein paar Haken geschlagen, war ungebetener Gast auf Landstraßen und bin Feldwege entlanggehoppelt, die aus zwei Reifenspuren im Gras bestanden und bei Regen unbenutzbar wären. Mein armes Fahrrad tat mir manchmal leid.

Mein_Fahrrad
Mein tapferes Fahrrad

Aber es hat funktioniert! Seitdem träume ich von direkten, gut ausgebauten Fahrradverbindungen nicht nur in der Stadt, sondern auch zwischen Stadt und Umland. Mit einer eigenen Spur für jede Richtung. Beleuchtet und ausgeschildert. Ein Fahrrad-Highway. Dann wäre meine Glanzleistung mit viel weniger Mühe auch in 25 Minuten zu schaffen. Von Stadtrand Heidelberg zu Stadtrand Schwetzingen bräuchte man eine knappe Viertelstunde. Das geht mit dem Auto kaum besser, und das wird immer langsamer, je weiter man in die Stadt reinkommt. Und will auch noch geparkt werden.

Wie viel mehr Menschen würden ihr Auto manchmal stehenlassen, wenn es solche Fahrradverbindungen gäbe? Ich denke, es wären einige. Wenn ihr wollt, sagt mir eure Meinung in den Kommentaren.

Fossil free

Das Treibhausblog gibt es schon einige Jahre lang. Die meiste Zeit davon stand es jedoch ungepflegt und weitgehend unbeachtet im Internet herum, wie der nicht so beliebte Cousin auf einer Familienfeier.

Das lag daran, dass ich zum Thema Klimaschutz fast nur deprimierende Dinge berichten konnte. Erschreckende Forschungsberichte, scheiternde Klimakonferenzen. Und nicht viel, was mir dagegen zu tun eingefallen war. Ich habe am Protest gegen ein Kohlekraftwerk teilgenommen, das trotzdem gebaut wurde, und Energiesparbirnen eingedreht, deren Licht ich hasste. Ich nahm möglicherweise zu Recht an, dass das niemand wissen wollte.

Doch seit einigen Monaten habe ich neue Hoffnung. Brauchbare LED-Birnen wurden entwickelt. Und ich habe die Fossil-free-Bewegung kennengelernt. Das ist eine weltweite Kampagne, bei der lokale Gruppen ihre Institutionen vor Ort – Städe, Universitäten, Kirchen, Rentenfonds – dazu auffordern, aus fossilen Brennstoffen zu desinvestieren. Also das Geld, dass sie in Unternehmen investiert haben, die mit fossilen Brennstoffen wie Öl, Gas und Kohle ihren Gewinn machen, abzuziehen und klimafreundlich anzulegen.

Die Fossil-free-Bewegung ist jung (2012 gegründet) und ziemlich erfolgreich. Prominente Beispiele für Institutionen, die bereits desinvestiert haben, sind die Universtität Stanford und die Städte San Francisco und Glasgow. Hier findet ihr die ziemlich lange Liste. In Deutschland ist die Stadt Münster Vorreiterin der Bewegung.

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Unser Stand in Heidelberg beim Global Divestment Day. Im Hintergrund ich als „die Kohle“.

Ich bin seit Kurzem bei der Heidelberger Fossil-free-Gruppe. Wir wollen die Stadt und die Universität Heidelberg davon überzeugen, sich zu klimafreundlichen Investitionen zu bekennen. (Unterschreibt doch unsere Petitionen  – danke vielmals :-)) Ein erstes, vielversprechendes Gespräch mit der Stadt hat bereits stattgefunden; ein erstes Gespräch mit der Uni folgt demnächst.

Aus mehreren Gründen macht mir die Fossil-free-Kampagne Mut. Es ist endlich eine Möglichkeit, selbst etwas zu tun. Die Kampagne trifft die Hauptprofiteure der Klimakatastrophe, und es trifft sie beim Geld, also an der einzigen Stelle, an der sie Nerven haben. Am Besten aber ist: Die Kampagne verändert die gesellschaftliche Stimmung, auch in Bereichen, in denen Umweltpolitik bisher als Hindernis wahrgenommen wurde. Vor Kurzem hat sich der Norwegische Pensionsfonds, selbst durch Öl großgeworden, entschieden, 32 Kohlefirmen aus seinem Portfolio zu streichen. Die Bank of England rät von Investitionen in fossile Brennstoffe ab. Kohle, Öl und Gas werden als wirtschaftliches Riskio erkannt. Natürlich weisen wir schon lange auf ihr globales gesellschaftliches Riskio hin. Aber jetzt gehts ums Geld. Jetzt wird etwas passieren.

Es ist etwas schwierig, das „Wir habens doch gleich gesagt!“ zu unterdrücken. Aber ich freue mich. Und auch etwas privates Desinvestment steht dieses Jahr noch an. Wir planen, dem Öl in unserem Haus den Hahn abzudrehen und eine Pelletsheizung und Solarthermie zu installieren.

Es gibt also viel zu tun.